Netzengpass in der Region Mittelbaden

Offenburg. War die Energiewende zum Beginn durch den Hochlauf erneuerbarer Energien durch Energieversorgungsunternehmen geprägt, ist die Entwicklung der Dekarbonisierung nun auch auf der Seite der Verbraucher angekommen. Heute gibt es zahlreiche Akteure, die Strom aus dem Netz beziehen oder selbst einspeisen. Hierzu zählen Verbraucher, die Strom aus dem Netz beziehen, Prosumer, die gleichzeitig Strom erzeugen, verbrauchen und ins Netz einspeisen, sowie dezentrale Erzeugungsanlagen beispielsweise Fotovoltaik, Windkraft, Biogas oder Blockheizkraftwerke, die den Strom direkt ins Verteilnetz einspeisen. Entscheidend dabei ist, dass der zeitgleiche Bedarf an Strom seit rund zwei Jahren unverhältnismäßig stark steigt im Vergleich zum möglichen Tempo des dafür notwendigen Netzausbaus. Der Netzausbau ist ein mehrjähriger Prozess, der Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten umfasst. Daher kommt es zum Engpass im Stromnetz, der sich Deutschland-weit abzeichnet. Davon betroffen ist auch die Region Mittelbaden mit den geografischen Zentren Hausach, Kehl, Lahr und Offenburg.

In Deutschland stehen Netzbetreiber aller Spannungsebenen vor enormen Herausforderungen, denn die Elektrifizierung in allen Lebensbereichen ist seit 2024 sprunghaft angestiegen durch PV-Anlagen, Stromspeicher, Wärmepumpen, Wallboxen, E-Fahrzeuge sowie Blockheizkraftwerke. Mehr und mehr werden fossile Energieträger durch elektrischen Strom ersetzt. 

Mit dieser Entwicklung einher geht auch der sprunghafte Anstieg an Netzanschlussfragen im Ortenaukreis, wovon insbesondere die Stromnetze von Netze BW und E-Werk Netze betroffen sind. Laut Prognosen wird sich der Strombedarf in Deutschland bis zum Jahr 2045 verdoppeln. Das Bundesland Baden-Württemberg strebt bereits 2040 seine Klimaneutralität an. Die Auswirkungen für das Netz bedeuten, dass das derzeitige Tempo des Netzausbaus mit der ansteigenden Dynamik der Netzanschlussbegehren nicht mithalten kann. Bei energieintensiven Betrieben oder Anlagen wie beispielsweise Großbatteriespeicher oder Schnellladeparks können keine zusätzlichen Leistungen mehr im Ortenaukreis bereitgestellt werden.

Matthias Heck, Technischer Geschäftsführer E-Werk Netze, erklärt das Zusammenspiel zwischen Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber: „E-Werk Netze beziehen die Energie aus dem 110-kV-Netz des vorgelagerten Netzbetreibers Netze BW. Mit unseren 22 Umspannanlagen, die in der Region verteilt sind, transformieren wir die 110-kV-Ebene auf die 20-kV-Mittelspannungsebene, von wo aus der Strom die Haushalte erreicht. Unsere Region ist wirtschaftlich stark und wächst im Gewerbe, der Industrie sowie im Wohnungsbau. Genau diese positive Entwicklung trifft nun seit Ende 2025 auf einen großen Netzengpass im vorgelagerten 110-kV-Netz, der mittlerweile große Teile unseres Versorgungsgebiets betrifft.“ 

Stephan Förster, Kaufmännischer Geschäftsführer E-Werk Netze, zeigt auf: „Für uns als Verteilnetzbetreiber bedeutet diese Situation, dass wir in unserem Netzgebiet keine großen zusätzlichen Leistungen mehr für unsere Kunden bereitstellen können. Ausgenommen davon sind Projekte kritischer Infrastruktur wie der Bau von Krankenhäusern. Kleine Lasten wie Hausanschlüsse, Wallboxen oder Wärmepumpen von Einfamilienhäusern können aktuell noch angeschlossen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Versorgung in der Ortenau stabil.“ 

Bernhard Palm, Vorstandsvorsitzender E-Werk Mittelbaden, betont: „Wir haben heute bereits eine kritische Zuspitzung erreicht. Die konkreten Auswirkungen und Entwicklungen sind spürbar und haben Auswirkungen auf Investitionen in der Zukunft. Hinzu kommt, dass diese Situation uns in einer Phase tiefgreifender politischer Veränderungen ereilt. Internationale Konflikte, hohe Volatilität der Energiepreise und die Abhängigkeit von fossilen Importeuren führen uns sehr deutlich vor Augen, wie verwundbar unser Energiesystem heute ist. Erneuerbaren Energien kommt ein zusätzliche Bedeutung zu: Sie sind zunehmend Freiheits- und Unabhängigkeitsenergien, die es auszubauen gilt. Dazu gehört auch das Fundament, auf dem die Energiewende basiert: Unsere Stromnetze müssen sicher und zuverlässig arbeiten. Das funktioniert nur im Zusammenspiel aller Partner.“

Um den steigenden Strombedarf und die damit verbundenen Netzanschlussanfragen besser bewältigen zu können, ist es notwendig, dass Wirtschaft, Kommunen, Netzbetreiber und Politik zusammen wirken. Aus diesem Grund hat Netze BW eine Taskforce ins Leben gerufen, die am  15. April 2026 erstmalig getagt hat, mit dem Ziel, Lösungsstrategien zu erarbeiten und umzusetzen. In diesem Gremium arbeiten Netze BW, E-Werk Netze, das Umweltministerium Baden-Württemberg, das Regierungspräsidium Freiburg und der Regionalverbandschef und Bürgermeister von Rust an flexiblen Lösungen, um schnellstmöglich die Anschlussbegehren der Kunden erfüllen und die Region Mittelbaden langfristig zukunftsfähig aufzustellen zu können. Heck: „Damit die Netzstabilität weiterhin sichergestellt ist, arbeiten wir schon heute an Lösungen im eigenen Netzgebiet und in der neu gegründeten Taskforce an gemeinsamen Lösungen für mögliche Zwischenmaßnahmen und dem langfristigen Netzausbau.“ 

 

Projekt NETZ 2030

Um trotz der bestehenden Engpasslage kurzfristig handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig die Weichen für eine langfristig tragfähige Energieversorgung in Mittelbaden zu stellen, verfolgt das Projekt NETZ 2030 einen dreistufigen Lösungsansatz.

Kurzfristig steht dabei ein intelligentes Lastmanagement im Fokus. Ziel ist es, bestehende Netzkapazitäten besser zu nutzen, indem große Verbraucher und Einspeiser zeitlich flexibel auf Netzsituationen reagieren. So können Lastspitzen reduziert und vorhandene Infrastruktur stabil betrieben werden, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.

Mittelfristig setzt NETZ 2030 auf den gezielten Ausbau regionaler Erzeugungsanlagen und Stromspeicher. Dezentrale PhotovoltaikAnlagen, Batteriespeicher und weitere flexible Erzeuger sollen stärker netzdienlich eingebunden werden, um das Verteilnetz zu entlasten und zusätzliche Leistungsbedarfe zumindest teilweise in der Region selbst abzudecken.

Langfristig ist ein substantieller Ausbau der überregionalen Netzinfrastruktur erforderlich. Hierzu zählt insbesondere die Verstärkung des Hoch und Höchstspannungsnetzes, um die Region Mittelbaden dauerhaft leistungsfähig anzubinden und weiteres wirtschaftliches Wachstum sowie die Klimaziele des Landes dauerhaft zu ermöglichen.

Matthias Heck, Technischer Geschäftsführer E-Werk Netze: „Wir können die aktuelle Situation nicht mit einer einzelnen Maßnahme lösen. Entscheidend ist ein abgestimmtes Vorgehen aus kurzfristiger Entlastung, regionalen Zwischenlösungen und einem konsequenten Ausbau der übergeordneten Netzinfrastruktur. Mit NETZ 2030 bündeln wir genau diesen Ansatz – gemeinsam mit Netze BW, Transnet BW, den Kommunen und der Politik. Unser Ziel ist es, die Versorgungssicherheit heute zu gewährleisten und gleichzeitig den Wirtschafts‑ und Lebensstandort Mittelbaden langfristig zukunftsfähig aufzustellen.“

 

Ausbau und Verstärkung des Hochspannungsnetzes

Um den Engpass dauerhaft zu beheben, setzt Netze BW auf einen gezielten Ausbau und eine Verstärkung des Hochspannungsnetzes, das Städte, große Industriebetriebe und Unternehmen mit Strom versorgt. Der Verteilnetzbetreiber investiert bis 2030 ca. 0,9 Milliarden Euro pro Jahr über ganz Baden-Württemberg hinweg – auch die spürbar wachsende Region rund um den Ortenaukreis profitiert davon. 

Richard Huber, Leiter Systemübergreifende Infrastruktur Netze BW GmbH: „Angesichts der aktuellen Herausforderungen haben wir im Ortenaukreis sechs zentrale Bereiche definiert, in denen wir gezielt und nachhaltig die vorhandenen Umspannwerke und Leitungsanlagen stärken und modernisieren werden. Dort, wo dies erforderlich ist, errichten wir zudem neue Anlagen, die als bedeutende Knotenpunkte das Stromnetz optimieren und sichern.

Es steht aber ebenso fest: Selbst wenn der Bedarf an vielen Orten in Mittelbaden zeitgleich entsteht, ist es für die Netze BW nicht möglich, den Netzausbau überall gleichzeitig zu realisieren. Gründe dafür sind unter anderem die fehlende Verfügbarkeit von Fachfirmen, steigende Materialpreise und die teils schwierige Suche nach geeigneten Grundstücken für Umspannwerke. Auch lange Genehmigungsprozesse für 110-kV-Leitungen führen zu lokalen Verzögerungen bei Netzanschlüssen. In unserer Taskforce Mittelbaden arbeiten wir daran, den Netzausbau zu beschleunigen, damit der Ortenaukreis auch in Zukunft ein attraktiver Lebens- und Wirtschaftsstandort bleibt.“

 

Netze BW setzt auf flexible Netzanschlussvereinbarungen 

Mit flexiblen Übergangslösungen sorgt Netze BW bis zum vollständigen Netzausbau dafür, dass Anschlüsse trotzdem schneller möglich sind. So kommt zum Beispiel ein großes Unternehmen in der Region Mittelbaden schon jetzt zum Zug: Dank eines flexiblen Netzanschlussvertrags können sie ihre E-Fahrzeuge nachts laden, ohne das Netz zu überlasten – auch bei begrenzter Kapazität. Im Jahr 2026 bietet Netze BW über ganz Baden-Württemberg insgesamt 36 flexible Netzanschlussverträge an und testet deren Praxistauglichkeit in fünf Pilotprojekten mit unterschiedlichen Kundengruppen. Da weder Netzbetreiber noch Anschlussnutzer oder Anlagenbetreiber verpflichtet sind, einen solchen Vertrag anzubieten oder abzuschließen, wird dieses Instrument auf freiwilliger Basis eingesetzt.

 

Wie Automatisierung das Stromnetz stärker macht

Als einer der ersten Verteilnetzbetreiber setzt Netze BW zudem auf die kurative Netzführung, die erst dann zum Einsatz kommt, wenn tatsächlich eine Störung eingetreten ist. In diesem Fall übernehmen die verbleibenden, parallel verlaufenden Leitungen die zusätzliche Stromlast. Damit diese nicht überhitzen, sorgen automatisierte Systeme dafür, dass die angeschlossenen Erzeugungsanlagen oder flexiblen Netzkunden innerhalb von wenigen Minuten gezielt heruntergeregelt werden. So werden die Leitungen rasch entlastet und die sichere Stromversorgung bleibt gewährleistet.

 

Über E-Werk Netze GmbH & Co. KG

Die E-Werk Netze GmbH & Co. KG trägt als Betreiber des regionalen Stromnetzes eine zentrale Verantwortung für die Energiewende in Mittelbaden. Als Netztochter der Elektrizitätswerk Mittelbaden AG & Co. KG (62,2 %) und der Süwag Energie AG (37,8 %) garantieren E-Werk Netze GmbH & Co. KG die Planung, den Ausbau und den sicheren Betrieb der Stromnetze – für rund 388.000 Menschen in über 50 Kommunen der Ortenau sowie in angrenzenden Gebieten der Landkreise Freudenstadt, Rastatt und Rottweil. An den Standorten Hausach, Kehl, Lahr, Oberkirch, Offenburg und Rheinmünster-Stollhofen arbeiten rund 290 Mitarbeitende für E-Werk Netze GmbH & Co. KG daran, die Region Mittelbaden zukunftsfähig zu gestalten. 

 

Über die Netze BW GmbH

Die Netze BW GmbH steht für eine sichere Versorgung in Baden-Württemberg und kundennahen Netzservice. Sie ist das größte Netzunternehmen für Strom, Gas und Wasser in Baden-Württemberg und eine Tochtergesellschaft der EnBW Energie Baden-Württemberg AG. Als Verteilnetzbetreiber betreibt die Netze BW insgesamt knapp 100.000 Kilometer lange Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetze für 2,37 Millionen Netzkund*innen im Land sowie das Gasverteilnetz für rund 240.000 Netzkund*innen. Außerdem erbringt und vertreibt die Sparte Dienstleistungen netznahe und kommunale Dienstleistungen für Kommunen und Stadtwerke. Das Unternehmen hat an rund 90 Standorten in Baden-Württemberg mehr als 5.800 Mitarbeitende sowie 800 Auszubildende und Studierende.

 

 

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